Henriette Hirschfeld-Tiburtius – ein Kurzportrait


Henriette Hirschfeld-Tiburtius (14.02.1834 – 25.08.1911) war die erste approbierte und promovierte Zahnärztin in Deutschland und damit so etwas wie die Vorreiterin aller deutschen Zahnärztinnen. Im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der man, um Zahnärztin zu werden, kaum noch geschlechtsspezifische Hürden überspringen muss, musste Henriette Hirschfeld-Tiburtius ganze Kontinente wechseln, um ihr Berufsziel zu erreichen.

Henriette Hirschfeld, geborene Pagelsen, war nach einer missglückten Ehe (ihr Mann war trinksüchtig) nicht nur eine der wenigen geschiedenen Frauen zu ihrer Zeit, sondern auch vollkommen mittellos. Ihre finanzielle Not führte sie, gepaart mit ihrem Tatendrang und ihrem ausgeprägten Emanzipationsbewusstsein, dazu, ihren lang gehegten Traum, Zahnärztin zu sein, im Alter von 32 Jahren doch noch in die Tat umzusetzen. Henriette hatte als Kind oft starke Zahnschmerzen gehabt – ihre traumatischen Erfahrungen mit gefühllosen und ungeschulten Zahnbehandlern führten zu dem Wunsch, selber Zahnärztin zu werden und es besser zu machen.

Tafel.Hirschfeld.pan-atelier.de

Bildquelle: Pan-Atelier

Dieses Vorhaben war in Deutschland jedoch noch revolutionär. Um als anerkannter Zahnarzt in Deutschland arbeiten zu dürfen, brauchte man schon Mitte des 19. Jahrhunderts eine Hochschulausbildung. Frauen allerdings war der Zugang zu deutschen Hochschulen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwehrt.

Die einzige Möglichkeit, diese Ausbildungs-Hürde zu überwinden, bestand für Henriette darin, in den USA zu studieren. Sie machte daher 1867 als allein stehende Frau die lange Überfahrt von Hamburg nach New York mit dem Schiff. In New York angekommen, der englischen Sprache noch nicht wirklich mächtig, ging es weiter nach Philadelphia – an das Pennsylvania College of Dental Surgery.

Dort wusste man allerdings noch nichts von seinem „Glück“, als eine der ersten Universitäten der USA einer Frau das Zahnmedizin-Studium zu erlauben. Es war dann auch eher ihren Fürsprechern und ihren beharrlichen Hausbesuchen bei den Fakultätsmitgliedern zu verdanken, dass sie als zweite Frau in den USA überhaupt zum Studium der Zahnmedizin zugelassen wurde.

Als einzige Frau unter männlichen Kommilitonen wurde sie nach anfänglicher Ablehnung durch ihre Freundlichkeit und ihren Fleiß bald zur „little mother of the class“ erhoben. Nur die Fakultätsleitung sperrte sich, sie als Studentin voll anzuerkennen. Ihre anatomischen Studien musste sie aus Schicklichkeitsgründen zum Beispiel noch einige Zeit am Women´s Medical College machen.

Nach zwei Jahren Ausbildungszeit wurde Henriette Hirschfeld am 27. Februar 1869 im Alter von 35 Jahren der Titel „Doktor of Dental Surgery“ verliehen.

Nach ihrem Abschluss in den USA kehrte sie nach Deutschland zurück und eröffnete in Berlin in einer Parallelstraße zur Straße „Unter den Linden“ (Behrenstrasse 30 / Ecke Charlottenstraße) ihre erste Praxis.

Wenn Henriette Hirschfeld auch von ihren Kommilitonen in Amerika akzeptiert worden war, so war es doch anfangs schwierig, die deutschen Patienten davon zu überzeugen, dass auch eine Frau etwas vom „Handwerk“ verstand. Doch die erste und damals einzige Zahnärztin Deutschlands hatte es sich zum Prinzip gemacht, nur Frauen und Kinder zu behandeln, und schon nach kurzer Zeit kamen die Patienten ohne Unterlass. Ihr exzellenter Ruf als Zahnärztin wurde durch ihre Benennung zur Hofärztin der Kronprinzessin Viktoria, ihrer Kinder und gelegentlich auch des Ehegatten bestätigt. Und auch die gelegentlichen männlichen Patienten wussten nur Gutes über sie zu sagen (Zitat aus dem Jahr 1874): „Ich musste […] an unsere erste und einzige Zahnärztin denken, an die kleine, überaus zarte und schwächliche Frau Dr. Tiburtius, die mir erst kürzlich mit so großer Geschicklichkeit einen colossalen Backenzahn mittels Gasbetäubung ausgezogen hat.“

Nicht allein mit ihrer Karriere ging es aufwärts, sondern auch in ihrem Privatleben. 1871 heiratete sie ihren langjährigen Freund (und Militärarzt a. D.) Karl Tiburtius – beide 38-jährig -, Henriette als angebliche Witwe, da ihre Scheidung 1863 in den damaligen bürgerlichen Kreisen als nicht sozial akzeptabel totgeschwiegen wurde. Das Paar bekam zwei Söhne, bei der zweiten Geburt war Henriette Hirschfeld-Tiburtius mittlerweile 42 Jahre alt – ganz besonders im 19. Jahrhundert ein außergewöhnliches Alter, um Kinder zu bekommen. Außergewöhnlich war auch, dass Henriette trotz ihrer Mutterschaft nicht daran dachte, ihren Beruf aufzugeben – auch wenn Mutterschaft und Berufstätigkeit mit den bürgerlichen Grundwerten ihrer Zeit nicht vereinbar waren.

Henriette Hirschfeld-Tiburtius zog jedoch nicht nur ihre zwei Söhne groß, führte eine harmonische Ehe und arbeitete tagtäglich in ihrer Praxis: Sie engagierte sich auch noch leidenschaftlich für die wenig Begüterten, besonders für Frauen und Kinder. Selbst durch ihre erste Ehe und die damit verbundene Scheidungskrise verarmt und auf Erwerbsarbeit angewiesen, lag es ihr persönlich am Herzen, Frauen in der gleichen Lage zu unterstützen. 1876 gründete sie deswegen in einem Berliner Arbeiterviertel zusammen mit ihrer Schwägerin, der Ärztin Franziska Tiburtius und deren Kollegin Emilie Lehmus die erste von Frauen geleitete Poliklinik. Aufgrund der dort gemachten Erfahrungen folgte 1881 die Gründung einer Pflegestation speziell für Frauen und Kinder durch Henriette Hirschfeld-Tiburtius in ihrer alten Wohnung in der Berliner Friedrichstraße.

Recherchen/Autorin: Eva Dohlus

Wir entnahmen diese Informationen der Veröffentlichung von Zahnärztin Cécile Mack: „Henriette Hirschfeld-Tiburtius (1834-1911). Das Leben der ersten selbstständigen Zahnärztin Deutschlands“, erschienen Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1999

Zitate aus dem genannten Buch:

Henriette Hirschfeld über ihre Kindheit:
„Ich machte mich im Hause nützlich, las Romane, glücklicherweise ohne Schaden davon zu haben, und verwendete viel zu viel Zeit auf feine Weißstickereien.“
(Anm.: Sie wurde von ihrem Vater unterrichtet, der die Inhalte ihrer Ausbildung streng überwachte. Obwohl sie es wollte, durfte sie nicht Latein lernen. Ihr Vater begründete das ihr gegenüber so: „Ein […] Mädchen, von dem bekannt werde, dass es Latein könne, bekomme sicherlich nie einen Mann.“)

Theodor Bischoff, 1872, Abhandlungen über die akademischen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechts:

„Selbst für Zahnoperationen, für die man es liebt weibliche Kräfte für ausreichend zu halten, bestreite ich das durchaus. Auch hier ist die vollständige Sicherheit und Herrschaft über die nothwendigen Bewegungen unablässige Bedingung, wie sogleich Jeder zugeben wird, wenn er sich mit irgend einer Unsicherheit oder Schwanken an seinen Zähnen herumgezogen denkt. Und gesetzt eine Frau besäße soviel Kraft, Sicherheit und Ruhe in ihren Bewegungen, so ist das nicht ohne gleichzeitige Roheit und Gefühlslosigkeit zu denken, welche dem Manne verzeiht, bei ihm nichts anderes erwartet, bei einem Weibe aber den unangenehmsten und widerwärtigsten Eindruck machen muss.“

Henriette Hirschfeld- Tiburtius über weibliche Berufsaussichten / Ihre emanzipatorische Arbeit:

1870/71: „Wir verlangen zunächst nur die Gleichberechtigung zur Arbeit, in der festen Zuversicht, dass andere Zeiten auch andere Rechte bringen, ja dass unsere deutschen Männer uns selbst, was wir wünschen, entgegen bringen werden, wenn wir ihnen erst durch die That bewiesen haben, dass unsere Begabungen, wenn auch andere, doch nicht geringer sind als die ihrigen.

Das nächste Ziel unserer deutschen Vereinsbestrebungen geht nun dahin, die Frauen zu ermuntern und anzuleiten, sich klar zu werden über das, was sie können, wollen und sollen; ihnen mit Rath und That an die Hand zu gehen, wenn sie dann mit Energie und Ausdauer den sich gesteckten Weg verfolgen.“